Vier Zukunftsszenarien

Um Führungskräften und Organisationen zu helfen, mit der durch die Pandemie ausgelösten Unsicherheit umzugehen, hat die Wharton School vier Szenarien für die Zukunft des Humankapitals im Jahr 2023 entwickelt, die Auswirkungen auf Unternehmen in verschiedenen Branchen und Regionen der Welt haben. Jedes Szenario bietet einzigartige Chancen und Herausforderungen. Und mit diesen Chancen und Herausforderungen lassen sich für jedes Szenario gewinnende Betriebsmodelle, Organisationsstrukturen, Führungsprofile, Fähigkeiten, Talente und Organisationskulturen identifizieren.

  1. Szenario: Leben in digitalen Enklaven. In diesem Szenario hat sich die Weltwirtschaft wieder erholt, aber das soziale Narbengewebe, verursacht durch das „Social Distancing“. Das Verhalten der Menschen hat sich verändert und das Vertrauen zwischen Menschen, Institutionen und Ländern abgenommen. In diesem Szenario werden diejenigen Organisationen gewinnen, die ihre Geschäftsmodelle im Gleichschritt mit der „Low Contact“-Wirtschaft umstrukturieren und umrüsten. Das bedeutet, sie arbeiten mit einer weitgehend virtuellen Mitarbeiterbasis, denn die Menschen, die vom wirtschaftlichen Shutdown gezeichnet sind, sind nach wie vor risikoscheu. Dadurch verschwinden die 9-to-5-Arbeitsplätze der Vergangenheit schnell und die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verwischen weiter. In der Folge werden die Organisationsstrukturen beweglicher und flacher, denn das digitale Arbeiten egalisiert auch das Machtgefälle zwischen Führung und Belegschaft. Der Schlüssel für den Erfolg dieser Unternehmen liegt in einer starken entwicklungs- und menschenorientierten Kultur, um externe Talente anzuziehen und gleichzeitig die Verbindungen zwischen ihren virtuellen und physischen Arbeitskräften aufrechtzuerhalten. Chief Culture Officers erweisen sich als wichtige Fürsprecher, um ein kontinuierliches Engagement in einem weitgehend digitalen Mitarbeiterstamm zu fördern.
    Unternehmen bieten in dieser Welt Arbeitsplatzsicherheit und Stabilität. Sie brauchen aber – als weitgehend digitalisierte Organisation – engagierte, befähigte und digital-affine Mitarbeitende. Um diese Skills zu fördern investieren diese Arbeitgeber in Aus- und Weiterbildung.
  2. Szenario: Die Tech-getriebene Menschheit. Dieses Szenario beschreibt eine Welt, in der sich die Weltwirtschaft vollständig erholt und die COVID-19-Schutzmaßnahmen bedeutende technische Fortschritte in der Interaktion beschleunigt haben, während die Pandemie gleichzeitig den wahren Wert der menschlichen Interaktion gelehrt hat. In diesem Szenario gewinnen diejenigen Organisationen, welche die COVID-19-Pandemie genutzt haben, zu lernen und sich selbst durch Innovation und Digitalisierung neu zu erfinden. Auch hier dominieren vereinfachte Organisationsstrukturen, flachere Hierarchien und vernetzteres Denken, um mit der schnell wachsenden Weltwirtschaft und den technologischen Innovationen Schritt zu halten. Visionäre fühlen sich von diesen Unternehmen angezogen, weil sie hier die Zukunft pro-aktiv mitgestalten können. Darüber hinaus führt die Einführung neuer Rollen wie Chief Data Officers und Chief Robotics Officers dazu, dass Führungspersönlichkeiten gesucht werden, die über eine Kombination aus technischen und menschlichen Fähigkeiten verfügen, d.h. die neue Technologien auf hohem Niveau verstehen und gleichzeitig menschliche Beziehungen pflegen können. Gleichzeitig sorgen diese Unternehmen dafür, dass sich ihre Mitarbeitenden durch Leistungen, Vergütungen und Anreize wertvoll und unverzichtbar fühlen. Physikalische Räume und Talentzentren fördern sowohl die Zusammenarbeit als auch das Innovationsgeschehen. Diese Unternehmen achten auch darauf, die Freiheit der Mitarbeitenden zu wahren und deren Gleichgewicht zwischen virtueller und physischer Arbeit zu optimieren. Unternehmenskulturen, die in diesem Szenario die Integration und Vielfalt im Denken fördern, gedeihen.
  3. Szenario: Die zerklüftete Gesellschaft. In diesem Szenario hat eine langanhaltende wirtschaftliche Rezession das Vertrauen zwischen Menschen, Gemeinschaften und Institutionen zerstört. Es gewinnen diejenigen Organisationen, die mit der Neudefinition ganzer Branchen in einer notwendigerweise virtuellen Welt zurechtkommen. Schlanke Betriebsmodelle, welche die Nutzung kostengünstiger Ressourcen vorantreiben, sind erfolgreich. Da nur begrenztes Kapital für neue Technologien zur Verfügung steht, müssen Unternehmen umstrukturieren, um Kosten zu reduzieren. Unternehmen werden in zunehmendem Maße auf Gigabeschäftigte oder flexible Talentmodelle zurückgreifen müssen, um strategische Projekte und Termingeschäfte umsetzen zu können, während sie gleichzeitig die Fixkosten von Vollzeitbeschäftigten begrenzen. Um in diesem Szenario erfolgreich zu sein, bedarf es umsetzungsorientierter Führungskräfte mit ausgeprägtem finanziellen Scharfsinn und operativen Fähigkeiten. Weil in dieser Zukunft mehr digitale Arbeitskräfte benötigt werden, gleichzeitig aber die Ressourcen für die Personalentwicklung begrenzt sind, werden externe Netzwerke kultiviert, um digitale Spitzentalente zu gewinnen. Unternehmenskulturen, die Einfühlungsvermögen und psychische Gesundheit fördern (z.B. durch virtuelle Beratung, Mentorenschaft), werden ebenfalls dazu beitragen, Spitzentalente in diesem Geschäftsumfeld anzuziehen und zu halten. Chief Medical Officers werden in allen Unternehmen zu einem wichtigen Teil der Führungsteams, um das wachsende Gesundheitsrisiko in der Mitarbeiterbasis in den Griff zu bekommen.
  4. Das kooperative Szenario. Dieses Szenario beschreibt eine Welt, in der die Wirtschaft darum kämpft, sich von einem langen Stillstand zu erholen, während Familien, Gemeinschaften und NGOs kooperieren, um sich gegenseitig zu unterstützen. In diesem Szenario gewinnen diejenigen Organisationen, die inmitten einer stockenden Wirtschaft Vertrauen in ihre Marken und Missionen aufbauen. Unternehmen erneuern ihre Betriebsmodelle, um Ökosysteme und Partnerschaften zu erleichtern (z.B. Industrieverbände, kontinentale Handelsökosysteme, Regierungsbeziehungen). Organisationsstrukturen fördern die Effizienz, legen aber auch großen Wert auf die menschliche Interaktion. In diesem Szenario suchen Unternehmen einfühlsame und mutige Führungskräfte mit einem hohen Maß an Soft Skills. Portfolio-Karrieren nehmen zu, da viele Mitarbeitende mehr als eine Stelle innehaben oder immer wieder radikale berufliche Veränderungen vornehmen müssen.